• Nadine Zwingel

Im Wartezimmer

„Man möchte am liebsten direkt eine Münze hineinlegen und sich etwas wünschen."


Diese Musik. Eine wankelmütige Mischung griechischer Sirenen, schriller Glocken, sanfter Geige und kontinuierlichem Tinnitus. Jeden Moment stimmt ein sprechender Wal mit ein, vermute ich. Eingesetzt aus nur einem einzigen Grund, schwant mir: den beängstigenden Geräuschen hinter den verschlossenen Türen karger Behandlungsräume auszuweichen. Ja, ich behaupte davon abzulenken! Um mich in Sicherheit zu wähnen, während ich darauf warte, dass ich an die Reihe komme. Dabei weiß ich doch ganz genau, wie es um mich bestellt ist. Die wunderschönen Gesichter auf den ausliegenden Magazinen wissen es auch und lächeln.

„Photosynthese ist nur was für Weicheier"


Ein ausfüllender, roter Teppich serviert mir das Gefühl des majestätischen Empfangs. „Herzlich willkommen im Wartezimmer Frau Zwingel.“ Für Schnappatmung sorgen nicht nur die Pflanzen, die viel zu gesund gewachsen aus ihren Kübeln wuchern und mir drohen, Photosynthese sei wirklich nur etwas für Weicheier. Auch das Wissen, die Nächste zu sein, raubt mir die Luft. Es ist so verdammt stickig und der Speichelabsauger kommt mir in den Kopf. Ich erinnere mich an die Mundwüste und möchte sofort etwas trinken. Als habe man die ganze Nacht mit offenem Mund geschlafen. Ich kenne dieses trockene Erwachen, denn ich zähle nicht zu den Menschen, die man während des Schlafens beobachtet und sich dabei denkt: Sie ist einfach wunderschön! Eher wird eine Art Karpfen vermutet. Das Maul stets weit geöffnet. Man möchte am liebsten direkt eine Münze hineinlegen und sich etwas wünschen. Zum Beispiel, dass die Zahnärztin es gut mit einem meint. „Frau Zwingel bitte!“ Ich bin dran.


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